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#3

alles und nichts

die folgen eines missbrauchs kommen schleichend. zunächst passiert nicht viel, weil man denkt, das hätte alles eine verquere richtigkeit. nur man selbst sei irgendwie nicht mehr ganz richtig. aber richtig stellt man es nicht. zu beginn fühlt es sich sogar nicht schlimm an, nur merkwürdig. die ahnung, dass vielleicht etwas nicht stimmt. niemand antwortet darauf.

man wird zum mitwissenden eines geheimnisses, und das entfaltet sogar so etwas wie macht. aber mächtig wird man nicht.

langsam, nach wochen, nach monaten, nach jahren verzweigt sich schließlich der innerliche bruch zu einem geflecht aus angst und demütigung, aus scham und unsicherheit, und überlagert sich in fetzigen schichten des hasses und eines ekels am meisten gegen sich selbst. man hätte nein sagen können. man hätte weniger lust vortäuschen können. man hätte weglaufen und nicht mehr zurückkommen können. aber man tat es nicht. und weiß niemals, auch später, wenn man es schließlich tut, nie so ganz, warum man es damals nicht konnte.

in der schule, im fernsehen liest und redet man darüber. aber man selbst ist nie das mädchen oder der junge, denen es passiert. das sind die anderen. und sie sind bemitleidenswert, weil sie es mit sich haben geschehen lassen. im eigenen kopf verdreht man die wahrheit, weil sie nicht wahr sein darf. für mitgefühl ist man noch zu klein, und für was man zu klein ist, blendet man aus.

aber das gefühl von kaputt ist bereits beständig und äußerst beständig arbeitet es sich durch den jungen körper und geist und frisst ganz leise auf, was sich hätte wunderschön melodisch entfalten können, hätte es ein anderer nicht mundtot gemacht. dissonanz ist ein so hässliches wort. und hässlich wird man selbst auch. so langsam, dass es ganz lange niemand bemerkt, aber man selbst beginnt es zu sehen.

wo andere ihre würde tragen, klafft in einem selbst dann ein loch. wo andere sich selbst zu lieben beginnen, wuchert dort die ätzende gewissheit, dass man sich selbst nicht mehr lieben wird. wo andere auf sich selbst vertrauen, gibt es darin nichts mehr, was vertrauen verleiht.

nach jahren begreift man, was eigentlich passiert ist. trotzdem ist es zu spät. die reue des anderen, sie spielt keine rolle mehr. man kann ihm ins gesicht sehen, für etwas länger als den höflichen moment. man ist neben ihm aufgewachsen, ihm schließlich entwachsen, weil es geht. man hat die wut, den hass, die gleichgültigkeit überwunden.

den ekel vor seinem inneren bruch jedoch nicht.

und so stark man auch ist, so gut man alles versucht, so sehr man sich bemüht zu sein: das innere loch frisst sich weiter durch, in das, was hinter dem innersten verborgen liegt, legt es frei, wälzt sich genüsslich in jeder art schmerz, die man kennt, und lacht, weil es weiß, dass nichts mehr so sein wird, wie es war, weil das nichts bereits ein stück vom alles geworden ist.

und bleibt.

via plastikherz

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