Liebes Team von Viva con Agua Greifswald,

Living Room Galleries sind ne feine Sache, war ich selbst in anderen Städten auch schon Teil von und ich finde es gut, wenn junge Leute sich für ein Thema engagieren, das uns alle betrifft.

Vielleicht habt ihr gemerkt, dass eines eurer Kunstwerke mit der Frage „Digger, dein Ernst?“ versehen wurde. Dies fällt in meinen Verantwortungsbereich. Da das aber eine Frage ist, habe ich meinen restlichen Redebedarf in den folgenden Sätzen erklärender Weise formuliert, um euch bei der Beantwortung dieser nicht ganz allein im Regen stehen zu lassen.

Ich weiß nicht, wie ihr so neben euren Engagement politisch informiert seid, oder wie ihr soziale Medien nutzt. Ich persönlich kann mich an an eine Welt erinnern, wo es kein Internet gab und ich muss zugeben damals war die Welt noch nicht so komplex, was aber auch daran liegen könnte, dass ich noch ein Kind war. Heute gibt es ja diese berühmten Filterblasen. Der Begriff ist übrigens nicht mal zehn Jahre alt und beschreibt laut Wikipedia „eine Isolation gegenüber Informationen, die nicht dem Standpunkt des Benutzers entsprechen“.

Ich hab keine Ahnung, wie eure Filterblase am Montag ausgesehen hat, aber in meiner eigenen wurden doch viele schwarze Bilder mit weißer Schrift geteilt. Ich weiß auch nicht in welchen Kreisen ihr euch hier in dieser Stadt rumtreibt, was ihr studiert und wie gut euer Engagement in eurem Lebenslauf aussieht, aber könntet ihr mir so als Fun Fact den Prozensatz an Geisteswissenschaftlern in eurer Ortsgruppe verraten?

Dafür muss man 100 durch den Grundwert teilen und dann mit dem Prozentsatz multiplizieren. Das wird auch beim Wählen genutzt und bei der letzten Landtagswahl in Sachsen hatte die AfD übrigens 27,5 Prozent.

Ich hoffe, dass der Prozentsatz an Geisteswissenschaftlern in eurer Ortsgruppe viel geringer ist, denn das würde möglicherweise erklären, warum ihr als idealistische Kämpfer für eine gute Welt zugelassen habt, dass jemand eine Collage als Kunst präsentiert, in der versucht wurde das Leid der Welt zu veranschaulichen.

Atombomben sind schlimm. Polizei nervt. Fleisch essen ist böse und Hitler war kein guter Mensch. Ja, wir leben in einer schlechten Welt. Klar kann man dann Trump als Globale Dummheit inszenieren, die auf einem Bobby Car mit VW-Zeichen die Welt über eine Klippe stößt, um sie in ein Meer aus Leid fallen zu lassen.

Nur besteht dabei das Problem der Metaphern, auch wenn thematisch das Wasserthema natürlich bedient wurde. Metaphern stehen stellvertretend für eine bestimmte Sache.

Dass nicht jede Person, die sich für eine gute Sache engagieren will, die Komplexität der Welt dementsprechend gut abbilden kann:
Geschenkt.

Auch das nicht jeder, der aus so einer idealistischen Peergroup, wie eurer kommt, Ahnung von Kunst hat:
Geschenkt.

Für manche Dinge gibt es halt Spezialisten, denn ohne Spezialisierung würde so eine komplexe Welt nicht funktionieren. Menschen, die sich spezialisieren, denken sehr intensiv über bestimmte Dinge nach und meist werden sie im System unserer Welt, dem Kapitalismus, auch dementsprechend bezahlt.

Spezialisten haben auch ihre Grenzen. Die Politikwissenschaftler zum Beispiel sind inzwischen schon an einem Punkt, wo die eigene Prognosefähigkeit (Zukunftsvorraussage, so wie das mit der Glaskugel) zur Diskussion steht, weil die Welt nicht nur hochkomplex ist, sondern sich auch immer schneller verändert und man bei bestimmten Dingen nicht mehr so gut vorraussagen kann, was jetzt eigentlich passiert.

Spezialisten müssen sich aber immer auch mit der Vergangenheit beschäftigen, um Dinge mit der Zukunft anzustellen, woraus folgt, dass man über die Vergangenheit meist sehr genau bescheid weiß. In der Geistenwissenschaft streiten sich da zwar manchmal auch Leute, weil es unterschiedliche Standpunkte gibt, aber es gibt auch Dinge, die für jeden klar verständlich sind.

Jetzt gibt es aber auch bestimmte Dinge in der Vergangenheit, darüber sind sich nicht nur die Spezialisten einig, sondern eigentlich alle und daraus ergeben dann die Dinge in der Zukunft. Worüber sich dann auch meistens alle einig sind, sind die Dinge, die wir nicht in unserer Zukunft möchten. Klimawandel ist eine dieser Sachen. Der ist halt einfach passiert, weil es zwar Spezialisten gab, die drüber nachgedacht haben, aber keiner sich drum gekümmert hat.

Das hat mit Vorstellungskraft zu tun und je länger man über bestimmte Dinge nachdenkt, desto besser kann man sich diese Dinge auch vorstellen.

In der Vergangenheit gibt es übrigens auch Dinge, die passiert sind, bei denen hat man ein Problem sich die vorzustellen, weil sie mit soviel zwischenmenschlicher Grausamkeit und Leid verbunden sind und da gibt es Spezialisten, die sagen, dass unsere Sprache, die ja unsere Vorstellungskraft bestimmt, nicht in der Lage ist, eine angemessene Metapher für das zu finden, was da passiert ist.

Klar gibt es auch Leute, die da anderer Meinung sind, aber die gehören in den meisten Fällen zu den 27,5 Prozent und in den seltensten Fällen zu den Geisteswissenschaftlern und wenn, dann hören einem meistens auch nur die 27,5 Prozent zu.

Manchmal ist es vielleicht hilfreich auch als Nicht-Spezialist darüber nachzudenken, welche Metaphern man für das Leid der Welt benutzt und welche nicht, vor allem wenn Spezialisten schon entschieden haben, dass es Gedenktage für bestimmte Dinge geben soll, obwohl sie sich noch nicht mal sicher sind, ob es eine Metapher dafür gibt. So ein Gedanktag war am Montag.

Dann, nicht mal eine Woche später, in eine Grundkurs-Kunst-Collage zum Zustand der Welt, Bilder von Auschwitz einzubauen, weil man das mit dem Leid der Welt so richtig ernst meint, ist eine eher dumme Idee, vor allem, wenn man direkt daneben getötete Schweine aus der Massentierhaltung klebt.

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